Die Formung zum Priester

"Meine Kindlein, noch einmal leide ich um euch Geburtswehen, bis Christus in euch Gestalt gewonnen hat." (Gal. 4,19)

Die Formung

Tritt der Anwärter ins Seminar ein, so erwarten ihn zunächst die fünftägigen geistlichen Übungen nach dem hl. Ignatius von Loyola. Sein erstes Jahr, eine Art Noviziat, soll ihn für sein ganzes späteres priesterliches Leben prägen: er erhält neben dem Sprachunterricht in Latein (und eventuell Griechisch und Hebräisch) fast täglich Vorlesungen in Spiritualität. Dazu kommt die Hinführung zur Heiligen Schrift, die Einführung in die Liturgie und die Besprechung der wichtigsten päpstlichen Enzykliken der letzten 200 Jahre die heutigen Zeitirrtümer betreffend. Auch der Gregorianische Choral bedarf einer gründlichen Einführung und Übung. Am Fest Mariä Lichtmeß empfängt er dann das geistliche Gewand, die Soutane.

Nach den Sommerferien, die unser junger Freund dem Apostolat bei Jugendlagern, in Exerzitienkursen oder in einem Priorat widmet, erwartet ihn das zweijährige Studium der Philosophie gemäß der Scholastik: Kosmologie (von den Körperdingen), Psychologie (von der menschlichen Seele), Kriteriologie (von der menschlichen Erkenntnis), Ontologie (Lehre vom Sein), Ethik (vom richtigen Handeln), Logik (vom richtigen Denken) und schließlich als Krönung die Theodizee, die philosophische Gotteslehre. Daneben treten die Apologetik und Fundamentaltheologie, um das Gesamtgebäude der Theologie auf eine wissenschaftlich einwandfreie Grundlage zu stellen; sie vermitteln die grundlegenden Wahrheiten über die Offenbarung und die Kirche. Die Exegese verhilft zu einem vertieften Verständnis der Heiligen Schrift. Der geistliche Höhepunkt des zweiten Jahres ist die Tonsur, durch welche der Kandidat in den Klerikerstand aufgenommen wird. Im dritten Jahr empfängt er bereits die ersten Niederen Weihen, das Ostiariat und das Lektorat. Dem Ostiarier (Türhüter), dem bei der Weihe die Kirchenschlüssel übergeben werden, ist die treue Sorge für das Haus Gottes bei Tag und Nacht anvertraut; er muss auch die Glocken läuten. Durch Wort und Beispiel soll er die unsichtbaren Gottestempel, die Seelen, dem Teufel verschließen. Mit der Weihe zum Lektor erhält er die Befugnis zum Vortragen der Lesungen im Offizium und zum Singen der Epistel im nicht levitierten Amt.

Der Schwerpunkt des 4. - 6. Jahres liegt auf der Theologie. Die Hauptfächer sind dementsprechend Dogmatik (zur tieferen Durchdringung der Glaubenswahrheiten auf der Grundlage der Theologischen Summe des hl. Thomas von Aquin) und Moraltheologie (die Betrachtung der christlichen Sittenlehre, d.h. des menschlichen Handelns unter dem Aspekt von Tugend- oder Sündhaftigkeit). Daneben werden Exegese (2. - 6. Jahr), Kirchengeschichte (3. - 6. Jahr), Liturgik (Analyse und Verständnis des göttlichen Kultes - Meßopfer, Offizium, Sakramente - und dessen Geschichte) und Pastoraltheologie (die Anwendung des spekulativen Glaubenswissens und dessen Nutzbarmachung für die Seelsorge nach dem Grundgesetz der Kirche "Salus animarum suprema lex") gelehrt. In das vierte Jahr sind die Weihen zum Exorzisten und Akolythen eingebettet. Der Exorzist empfängt die Gewalt, die bösen Geister auszutreiben; allerdings ist diese ausdrücklich an die Erlaubnis des Ortsbischofs gebunden; ihre Ausübung wird praktisch nur wenigen Priestern in der Diözese erlaubt. Der junge Kleriker ist aufgerufen, sich selbst aus der Sklaverei des bösen und unreinen Geistes zu befreien. Mit der Akolythenweihe nähert sich der Seminarist dem Altar; er soll nämlich die brennende Kerze tragen und im nicht levitierten Hochamt Wasser und Wein als Opfermaterie reichen.

O unergründliches und erhabenes Geheimnis der heiligen Weihen:
"... nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir!" (Gal. 2,20)

Die beiden höheren Weihegrade vor der Fülle des Priestertums vermitteln im fünften Jahr das Subdiakonat und das Diakonat. Mit dem Subdiakonat fällt der unwiderrufliche Entscheid zum kirchlichen Dienst. Der Zölibat besiegelt die Ganzhingabe an Gott, wandelt natürliche Fruchtbarkeit in eine erhöhte, übernatürliche Lebensspendung und führt ein in die "beseligende Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes" (vgl. Röm. 8,21). Mit diesem Entschluß spricht der Kandidat ebenfalls sein "Ja" zum täglichen Breviergebet, welches Würde und Bürde zugleich ist. Im Namen der Kirche verrichtet er das Opus Dei, das Gebet Christi zur Verherrlichung des himmlischen Vaters. Ab jetzt steht er voll und ganz im Dienst der Kirche und wird bereits in die Nähe des Opfergeschehens in der heiligen Messe gerückt.

Die Weihe zum Diakon (griech. diakonos = Diener), die er zwei Monate nach der Subdiakonatsweihe empfängt, hat bereits sakramentalen Charakter; sie vermittelt nicht nur heilige Gewalten und aktuelle Gnade, sondern auch heiligmachende Gnade und ein unauslöschliches Merkmal in der Seele. Der Diakon dient dem Priester am Altar beim heiligen Opfer; er tauft und predigt.

Das ganze Studium ist eingebettet in ein intensives religiöses Leben, das die heilige Messe, dreimaliges Chorgebet am Tag, Betrachtung, Rosenkranz, Kreuzweg oder Sakramentsandacht in der Kommunität vorsieht. Im Seminar können die verschiedenen besonderen Zeiten des Kirchenjahres mit einer Feierlichkeit und Tiefe begangen werden, die man auf der Welt wohl kaum mehr findet. So hinterläßt diese harmonische geistige Formung in doctrina cum pietate (Lehre verbunden mit Frömmigkeit) eine tiefe Prägung in der Seele des zukünftigen Priesters.

Die Priesterweihe krönt die sechs Jahre des Studiums, des Kampfes und Opfers und besiegelt die höchste, wunderbarste Berufung, der ein Mensch auf dieser Erde gewürdigt werden kann.

Das Adsum spricht der Seminarist zum erstenmal vor der Tonsur; "adsum!" spricht er auf jeder der sieben Stufen, auf denen er zum Altare Gottes aufsteigt, wenn sein Name zur Weihe aufgerufen wird:

Adsum - Herr, hier bin ich, sende mich!