Gebetsleben

Die Seminaristen bemühen sich während des gesamten Spiritualitätsjahres, ein Leben des Geistes zu führen. Sie versuchen, Gott zu finden und Gott ist Geist. Unser Herr sagt es zur Samariterin: „Gott ist Geist und er will im Geist und in der Wahrheit angebetet werden“ (vgl. Joh 4,24). Die Welt, die bleiben wird, ist die geistige Welt. Die materielle Welt kommt von der geistigen Welt. Sie wurde durch den Geist geschaffen und nicht umgekehrt.

Die Welt der Geister wird im Moment des Todes sicherlich unsere Bewunderung hervorrufen. Vor Gott werden wir verstummen, nicht aus Furcht oder Schrecken, sondern angesichts des unglaublichen Ranges, den er innehat. Gott ist ein unendlicher Geist, der überall ist. Man hat vergeblich versucht, es zu begreifen, wir stehen hier vor einem Geheimnis, das unser Vorstellungsvermögen vollkommen übersteigt. Wie der hl. Paulus sagt, „sind wir in Gott, leben wir in Gott und bewegen wir uns in Gott“ (vgl. Apg 17,28). Es ist wahr, Gott ist hier. Wir wären nicht hier, wenn Gott uns nicht im Dasein erhalten würde. Offensichtlich sehen wir ihn nicht, und das macht es sehr schwer, von der Realität eine genaue Erkenntnis zu haben. Wir leben darum in einer gewissen Blindheit, in einer beständigen Illusion.

Aber in dem Maß, in dem wir unser innerliches Leben entfalten, dieses geistliche Leben, das Leben mit Gott, das Leben der Taufe, indem wir uns bemühen, unserer Seele den Platz zu geben, der ihr in unserem Dasein zukommt, öffnet sich uns eine neue Welt. Es ist die Welt, die die Seminaristen besonders im Laufe des Spiritualitätsjahrs entdecken, indem sie oft um die Erleuchtungen des Heiligen Geistes bitten, um wahrhaft geistlich zu leben. Das Spiritualitätsjahr hat als Gegenstand, beten zu lernen, damit die Seminaristen die Gnaden des Heiligen Geistes empfangen. 

Das Gebet beschränkt sich nicht auf das mündliche Gebet. Die Seminaristen lernen neue Gebete, sie lernen, die schönen Gebete des Breviers und der liturgischen Offizien zu meditieren und zu verkosten. Aber das Gebet ist mehr als das. Im Gebet lernen die Seminaristen vor allem,so hoffe ich, sich mit unserem Herrn Jesus Christus zu vereinigen. In ihrem Gebet lernen sie, unseren Herrn Jesus Christus zu betrachten, Gott zu betrachten.

Der hl. Thomas schreibt: Indem er betet, übergibt der Mensch seinen Geist, seine Seele Gott. Der Mensch unterwirft Gott durch die Ehrfurcht seinen Geist und macht ihn ihm gewissermaßen zum Geschenk. Das ist schön, welch ein Ausdruck! Darum übertrifft das Gebet alle anderen religiösen Akte, die sich auf den Körper oder die äußeren Dinge beziehen, die man im Dienst Gottes verwendet. Beten, das heißt sich gegenüber Gott in eine Haltung der Unterwerfung zu versetzen, das heißt ihm bezeugen, daß wir nichts ohne ihn, den Urheber alles Guten, vermögen. Dieses innere Gebet muß einfach sein, wenn es aus der Betrachtung der Wohltaten des lieben Gottes hervorgeht, seiner großen Güte und unseres Elends. Das sind zwei Gegenstände, die uns vor Gott stellen wie Kinder vor ihren Vater, der alles ist.

„Das Gebet ist ein Wasser, das sowohl erfrischt als auch befruchtet. Es ist das beste Mittel, um sich zu bewahren und sich zu erneuern: es ist ein Spiegel, in den man blickt, um sich zu erkennen und zu bessern. Es ist für den Geist nicht weniger notwendig als die Luft für das Leben des Leibes; daher wäre es Wahnsinn, es zu lassen. ...eine Seele ohne Gebet gleicht, was den Dienst Gottes angeht, so einem Körper ohne Seele; sie ist ohne Gefühl und ohne Bewegung, und ihre Wünsche kriechen nach den Dingen der Erde.“ (Hl. Vinzenz von Paul)

„Halte ich die Betrachtung, so bin ich wie mit einer stählernen Rüstung bekleidet und unverwundbar für die Pfeile des Feindes; ohne Betrachtung würden sie mich sicherlich treffen.“ (Dom Chautard)

Aus dem Reglement:
Schließlich sollen sie auch immer mehr wachsen in der Liebe zum Gebet und ganz besonders zur Mitfeier der heiligen Messe, da sie der königliche Weg zur Erlangung der Heiligkeit ist; denn durch das Kreuz und das Leiden des Heilandes kommen uns alle Gnaden zu.