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"Heilig ist dieser Ort" – Die Priesterweihe in Zaitzkofen

08. Juli, 2018

Die Vöglein im Schlosspark haben ihren morgendlichen Lobgesang längst erklingen lassen, als ein Glockenläuten eine schier unzählbare Menge von Gläubigen zu andächtigem Gebet ruft. Der Einzug zur Priesterweihe 2018 in Zaitzkofen beginnt. Neunzig Priester, 45 Seminaristen und Ordensbrüder schreiten über das Fußballfeld, das mittels Holzbänken zur Freilichtkathedrale umgestaltet wurde. Ihr Ziel ist das Weihezelt mit dem Hochalter, der blumengeschmückt in der bayerischen Vormittagssonne erstrahlt. Direkt vor der Fassade des spätklassizistischen Schlosses haben fleißige Hände in den letzten Wochen alles vorbereitet. Denn heute ist der große Tag, oder wie die Liturgie sagt: „Das ist der Tag des Herrn“. Heute werden sechs junge Männer aus der Hand von Bischof Alfonso de Galarreta das Sakrament der Priesterweihe empfangen.

Die Prozession ist eigentlich eine kleine Heerschau der Tradition: Dem Vortragekreuz, flankiert von der Kerzenträgern, folgen fast zwanzig Fahnenträger, die Vertreter der Priorate, Schulen, Laienvereinigungen, ja auch die freiwillige Feuerwehr von Zaitzkofen trägt voll Stolz ihre Standarte zur Schau. Erst ganz am Ende erscheinen die wichtigsten Personen des heutigen Tages: die sechs Weihekandidaten und der Bischof, begleitet vom Subdiakon, Diakon, Erzdiakon, den Thronassistenten sowie dem Mitra- und Stabträger. Bischof de Galarreta wird heute eine Handlung vollziehen, die geboren ist aus einer zweitausendjährigen Tradition, die Handauflegung zur Übertragung der priesterlichen Gewalt. Wollte ein Protestant hochfahrend einwenden: Wo steht das in der Heiligen Schrift?, so wäre die Antwort ein Leichtes: Dieses Sakrament ist – wie alle anderen Sakrament natürlich auch – festbegründet in der Bibel, gemäß den Worten des heiligen Paulus: „Erwecke die Gnade, die in Dir ist, durch die Handauflegung“. (1 Tim 4,14)

Bischof Galarreta stammt aus Spanien, würdig-ernste Zurückhaltung, ein schmales Gesicht, ein unmerkliches Lächeln verleihen dem Protagonisten des heutigen Tages einen Adel, welcher von der Grandezza einer heiligen Theresia von Avila inspiriert zu sein scheint. Das Volk harrt in geduldiger Erwartung, aus den Lautsprecher tönen lateinisch die ehrwürdigen alten Gesänge des Gregorianischen Chorals über den Platz. Die Schola cantorum, die Kirchensänger stimmen den Introitus an, das Eingangsgebet des Kirchweihfestes: „Terribilis est locus iste“ – „Ehrfurchtgebietend ist dieser Ort“. Sie beschreiben den heutigen Tag, als wären sie nicht vor über tausend Jahren verfasst, sondern am Vorabend der Weihe. Denn voll Ehrfurcht hören die Weihekandidaten jetzt im Altarraum die letzte Ermahnung des Bischofs vor ihrer Weihe: Jakub, Tobias, Viktor, Lukas, Johannes und Christoph. Quer über die weiße Albe tragen sie die Stola des Diakons, über dem rechten Ellenbogen halten sie bereits das Messgewand, mit dem der Bischof sie bekleiden wird. Am Zingulum, dem Hüftgurt, der dem weißen langen Kleid Halt gibt, hängt ein prächtig besticktes Tuch. Was es damit auf sich hat, wird sich später klären.

Noch spricht der Bischof und erklärt den Kandidaten die Heiligkeit des Priestertums, die Erhabenheit der Nachfolge Christi, die Größe und Verantwortung ihrer Auserwählung. Als Spanier spricht er französisch, Pater Lukas Weber aus der Schweiz übersetzt für die anwesende Menge, fast dreitausend dürften es sein. Schließlich ist es so weit. Der Erzdiakon ergreift das Mikrofon und ruft die Weihekandidaten ein letztes Mal zum Altar. In den Jahren ihrer Ausbildung haben sie diesen Ruf sechs Mal gehört: bei der Einkleidung, bei der Aufnahme in den Klerikerstand (Tonsur), bei den ersten Niederen Weihen (Ostiarier und Lektor), bei den zweiten Niederen Weihen (Exorzist und Akolyth), bei der Subdiakonatsweihe und bei der Diakonatsweihe. Es ist eine bitter-traurige Tatsache, dass man – außer der Diakonatsweihe – in den nachkonziliaren Seminaren all diese Weihen ersatzlos entfernt hat. Nun hören sie zum letzten Mal ihren Namen und antworten mit einem kräftigen „Adsum!“, „Herr hier bin ich!“ Die Kandidaten stammen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, aus Polen und schließlich der erste Weihekandidat aus Russland.

Doch statt die Weihe zu beginnen, spricht der Bischof eine Ermahnung und wendet sich dann kniend zum Altar. „Sancte Petre“, „Sancte Paule“, „Sancte Andrea“. Aus den Lautsprechern erklingen die Namen aller Heiligen. Sie sollen Fürbitte leisten, den jungen Männern vom Himmel aus beistehen. Was für eine Universalität in Raum und Zeit strahlt aus der katholische Kirche! Die streitende Kirche auf Erden verbindet sich ohne weiteres mit der triumphierenden Kirche im Himmel, ganz so, als wären diese großen Männer und Frauen aller Jahrhunderte hier und jetzt in Zaitzkofen anwesend. Wann immer sie gelebt, in welchem Stand und Orden sie die Nachfolge Christi vollendet haben, obwohl vielleicht viele von ihnen das fremde, ferne und damals noch wild-heidnische Germanien nie gesehen haben: Heute nehmen sie Anteil an der Weihehandlung von Bischof de Galarreta. Martyrer, Bekenner, Ordensgründer, heilige Jungfrauen! Da wird jedem, vom kleinsten Katechismuskind hinten auf einer Holzbank auf dem Fußballfeld bis hin zum Erzdiakon und Regens oben am Hochaltar, aufs Neue bewusst, wie groß die katholische Kirche ist, wie klein der Einzelne, aber doch auch wir erhaben seine Würde als auserwähltes Glied am Leib Jesu Christi. Stärker als Raum und Zeit ist das Band der Freundschaft unter den Heiligen, von denen die einen im Jenseits, die anderen im Dieseits Gott erkennen und preisen.

Während also die Schar aller Heiligen das Weihezelt erfüllt, liegen die Kandidaten ausgestreckt auf ihrem Antlitz. Ein Zeichen der Demut, der Ganzhingabe. Irgendwie auch ein Ausdruck jener Worte Jesu, die er einst zu den Aposteln gesprochen hat: „Nicht ihr habt mich erwählt, ich habe euch erwählt“. Was mag den sechs Kandidaten in diesem Augenblick durch den Kopf gehen? Vielleicht genau dieser unerklärliche, aber von Ewigkeit her bestimmte Weg ihrer Berufung, der sie heute hierhergeführt hat, nach sechs langen Jahren der Vorbereitung, des Studiums der Philosophie und Theologie, der Vorbereitung in Gebet und Opfer. Wie ein goldener Faden zieht sich diese Erwählung durch den Lebenslauf eines jeden Einzelnen von Ihnen. Während Viktor im kommunistischen Regime in Moskau erst nach dem Fall des Kommunismus mit 13 Jahren getauft werden konnte und anschließend durch Freunde die katholische Kirche und dann sogar die Tradition von Erzbischof Lefebvre entdeckte, wurden Christoph und Tobias in eine Familie der katholischen Tradition hineingeboren, wuchsen von Kindesbeinen mit den überlieferten Sakramenten auf und konnten sogar Schulen der Priesterbruderschaft besuchen. Lukas fand auf einem Wanderlager der KJB in Andalusien den Weg zum traditionell katholischen Glauben: Die Offenheit und Begeisterung der Jugendlichen haben ihn beeindruckt. Johannes hatte schon als Schüler den Wunsch, Priester zu werden. Da ihm der Beichtvater abriet, unter den glaubenslosen Verhältnissen in ein modernes Seminar einzutreten, fügte es sich in seinem Leben so, dass er zuerst ein Studium in Molekularbiologie vollendete, bis er schließlich in Zaitzkofen eintrat. Ebenso hatte auch Jakub aus Polen schon sein Studium der Veterinärmedizin vollendet, als ihn in Breslau der Ruf Gottes ereilte.

Jetzt knien sie vor dem Bischof. Wortlos legt er ihnen die Hände aufs Haupt. Dies ist das sichtbare und äußere Zeichen, welches eine innere Gnade, eine Umwandlung der Seele bewirkt. Der große Kirchenlehrer Augustinus hat es in einen Merkspruch gegossen, welcher heute so wahr ist wie vor 1500 Jahren: Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum“ – „Es kommt das Wort zum Element und es wird das Sakrament“. Das äußere Zeichen, das „Element“ oder die Materie, wie die Theologen sagen, ist bei der Priesterweihe die Handauflegung durch einen gültig geweihten katholischen Bischof. Dieser Handauflegung folgen auch alle anwesenden Priester, denn auch in ihnen ist die Kraft des Priestertums wirksam und auch sie erteilen den Neugeweihten ihren Segen, natürlich nur in Verbindung mit und in Abhängigkeit vom Weihespender, dem Bischof. Nachdem über 80 Priester reihum die Kraft des Heiligen Geistes auf die Auswerwählten herabgerufen haben, warten sie still im Altarraum, die rechte Hand zum Zeichen des Segens erhoben.

Der Bischof beginnt mit den Weiheworten. Sie sind eingebettet in eine Präfation, einen Hochgesang. Beim entscheidenden Abschnitt unterbricht der Bischof seinen Gesang und spricht laut und vernehmlich: „Allmächtiger Vater, wir bitten Dich, gib diesen Deinen Dienern die Würde des Priestertums.“ Das sind gleichsam Wandlungsworte der Priesterweihe, ähnlich dem heiligen Messopfer, wo durch die Worte: „Das ist mein Leib“ das Brot wahrhaft und wirklich in den Leib Jesu gewandelt wird. Jeder dieser sechs Kandidaten ist von nun an ein zweiter Christus. Sie haben die Macht und Gewalt, das hochheilige Messopfer darzubringen, die Sünden zu vergeben, zu predigen und zu taufen, die Sakramente zu spenden, zu segnen und zu heiligen.

Eigentlich ist die Priesterweihe damit vollzogen. Doch die Kirche ist eine weise Mutter. Sie weiß, dass ein Edelstein erst dann wirklich in seiner ganzen Schönheit erstrahlt, wenn man um ihn herum eine wertvolle Fassung schmiedet, sodass ein Kleinod entsteht. Ebenso verhält es sich mit der Liturgie: Über die Jahrhunderte hat die Kirche eine Vielzahl von sinnreichen und anschaulichen Riten und Zeremonien kunstvoll geschmiedet, damit der Mensch, der ja nur mit dem Auge das äußerlich Sichtbare sehen kann, einen Eindruck davon erhält, was im Innersten der Weihekandidaten unsichtbar geschieht.

Ein Mann starb einst vor zweitausend Jahren vor den Mauern von Jerusalem, der Abstammung nach ein Jude, als Verbrecher verachtet, von seinem Volk verkannt, ja sogar von seinen eigenen Jüngern verlassen. Aber er war kein gewöhnlicher Mensch: Er war Gottes Sohn, geboren aus der Jungfrau Maria. Somit war sein Ganzopfer, sein Holocaustum (das jüdisch-griechische Wort für Ganz-Brand-Opfer, das nur für das heilige Opfer im Tempel verwendet werden durfte) kein gewöhnliches, sondern die Rettung für alle, „für Juden wie für Heiden“ (Röm 10,12). Das Lamm Gottes wurde geschlachtet, um uns Erlösung zu bringen. Um genau dieses Opfer des Gottmenschen dreht sich das ganze katholische Priestertum. Um das hochheilige Opfer darzubringen, salbt der Bischof nun die Hände der Kandidaten, genauer gesagt den Daumen, den Zeigefinger und die Handflächen. Anschließend werden die Hände mit dem oben erwähnten Tuch umbunden, denn diese Salbung ist heilig und Heiliges darf nicht profaniert werden. Die Ursprünge der Salbung reichen zurück bis in die Zeit, als die Menschheit noch jung war, als der Glaube geboren, das Volk Gottes, Israel, auserwählt wurde. In jener Zeit nahm Moses das Salböl und goss es Aaron aufs Haupt, um ihn dadurch zu weihen (Lev 8,12); Samuel salbte König David. Auch Kirchen und Altäre werden gesalbt, Glocken und heilige Gefäße. Wann immer die Kirche etwas der Welt entreißt und es radikal und vollständig in den Dienst Gottes stellt, dann wird es gesalbt. Genau wie diese heute und hier anwesenden sechs jungen Männer, die dem Dienst Gottes geweiht werden: „Damit alles, was sie segnen werden, gesegnet sei, und was sie weihen werden, geweiht sei“, betet der Bischof bei der Salbung. Nun reicht er den Neupriestern den Kelch und die Patene dar, die Opferschale für das Brot, mit den Worten: „Empfange die Gewalt, Gott das Opfer darzubringen“. Die Stola tragen sie nun wie Priester, und auch mit dem Messgewand hat der Bischof sie bekleidet.

Nun sind sie bereit, ihr Erstlingsopfer darzubringen. Das geschieht in Vereinigung mit dem Weihbischof. Die Zeremoniare bringen daher sechs kleine Messpulte in den Altarraum, vor welche sich die Neuprieser hinknien. Zur ihrer Linken assistiert jedem von ihnen ein erfahrener Priester, meist der Seelenführer oder ein Geistlicher, der dem Neugeweihten nahesteht. Im Fall von Tobias ist es sogar sein Bruder, Pater Severin. So beten sie zum ersten Mal die Wandlungsworte: „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut“. Und es ist nicht mehr der Leib von Lukas oder Hannes, sondern wahrhaft und wirklich der Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus. Das ist der katholische Glaube, so ist er, so war er und so wird er immerdar bleiben in Ewigkeit. Sie, die Neugeweihten, werden diesen Glauben aufs Neue hinaustragen in eine Zeit, die vielleicht schon weit von diesem Geheimnis der Gegenwart Jesu im Altarsakrament entfernt ist.

Aus der Hand des Bischofs empfangen sie kniend an den Stufen des Altares die Kommunion. Danach folgen die Gläubigen, 1.850 Kommunionen werden heute ausgeteilt. Der Kammerchor unter der Leitung von P. Amselgruber verklärt den Augenblick musikalisch, da auch die Gläubigen ganz mit Christus eins werden. Erst nach der Kommunion wird die Weihe vollendet: Das Messgewand, das bis dahin noch auf ein Drittel seiner Größe gefaltet war, wird ausgebreitet. Dazu betet der Bischof: „Mit dem Gewand der Unschuld umkleide dich der Herr.“ Die Beichtvollmacht wird übertragen mit einer zweiten Handauflegung und den Worten: „Denen du die Sünden nachlassen wirst, denen sind sie vergeben.“ Anschließend versprechen die Kandidaten dem Bischof und seinem Nachfolger die Treue.

Lange hat das Volk den nun folgenden Augenblick erwartet: den des Erstlingssegens für das Volk. Die Neupriester drehen sich um, stellen sich in einer Reihe auf und beten mit ausgestreckten Armen feierlich: „Per extensionem manuum mearum“ – „Durch die Ausbreitung meiner Hände.“ Sie gleichen dem Moses, der einst seine Hände über das Volk Israel ausbreitete, als Amalek es zu besiegen drohte (Ex 17,11). Sie gleichen dem Herrn und Heiland Jesus Christus, der seine Jünger bei der Himmelfahrt segnete, sie gleichen Elias, der zwei Drittel seines Geistes dem Elisäus übergab. Das katholische Volk weiß um die Kraft und Wirksamkeit des Primizsegens, denn nach dem Auszug sammelt sich gleich eine große Zahl von Gläubigen, um diese erste Frucht der Priesterhände auch persönlich zu empfangen. Ein altes Sprichwort sagt: „Für einen Primizsegen sollst du ein Paar Schuhe durchlaufen.“ Wer die große Zahl der Gläubigen überschaut, welche heute hier nach Zaitzkofen gekommen sind, um an der Priesterweihe 2018 teilzunehmen, weiß, dass die Gläubigen diese Worte ernst nehmen.

Beim Festessen lassen die Neugeweihten im Kreis ihrer Familie ihrer Freude freien Lauf. 230 geladene Gäste sind in den Speisesälen des Seminars anwesend, eine Meisterleistung der Brüder in der Küche des Seminars. Lob gebührt auch dem Bruder in der Sakristei, welcher für die festliche Gestaltung des Weihezeltes und aller übrigen Vorbereitungen wochenlang gearbeitet hat. Schließlich auch den Brüdern für den Außenbereich und die Technik, welche alles darangesetzt haben, die Live-Übertragung im Internet möglich zu machen, und zwar mit großem Erfolg. Dank auch den Seminaristen, welche tatkräftig mitgeholfen haben, und Dank auch den Gläubigen, welche seit 40 Jahren das Werk der Priesterformung mit Gebet und Spenden unterstützen und so überhaupt erst möglich machen, dass hier in der Oberpfalz eine Priesterausbildungsstätte im Geist und in der Nachfolge unseres hochverehrten Gründers, Erzbischof Marcel Lefebvre, fruchtbringend wirken kann. Mit der Vesper um 17.00 Uhr geht ein großer Tag zu Ende, für die sechs Neupriester der Geburtstag ihres neuen Lebens: ihr Weihetag. Möge Gott in ihnen die Gnade des Priestertums zur Wirksamkeit entfalten, damit sie treue und gnadenspendende Verwalter der Geheimnisse Gottes seien. Der größte Dank aber gebührt Gott dem Herrn, der alles in allen wirkt, der Berufungen sendet und die Menschen heiligt durch die Kraft des Heiligen Geistes in den Seelen. Ihm sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit. Amen.