Direkt aus der Seminarkapelle: unser aktueller Wochenbrief

12. November 2021
Quelle: Seminar Herz-Jesu

Liebe Gläubige,

wenn der Ritus der heiligen Messe dem Bauwerk einer Basilika gleicht, so entsprechen die Stufengebete und das Schuldbekenntnis (Confiteor) dem Vorhof mit dem Brunnen, an dem wir uns nicht die Hände, aber das Herz gewaschen haben. Das Kyrie eleison entspricht dem Anklopfen an das Tor des Heiligtums.

Griechische Worte

Bei diesen Worten handelt es sich nicht mehr um lateinische, sondern um griechische, mit der Bedeutung: Herr, erbarme dich unser. Die Tatsache, dass wir im römischen Messritus auch griechische Worte finden weist darauf hin, dass die Christen in Rom zunächst die griechische Sprache in der Liturgie verwendeten. Wegen der Ehrfurcht und dem traditionellen Sinn der römischen Katholiken wurden diese besonders beeindruckende Anrufungen nicht ins lateinische übersetzt, ganz nach dem Vorbild des heiligen Evangelisten Johannes, der auch manchmal einen Ausdruck in der ursprünglichen Sprache belässt, um von dem Eindruck der damaligen Situation möglichst wenig verloren gehen zu lassen.

Ein Prozessionsgesang

Das Kyrie eleison stammt aus dem Prozessionsgesang. Als man in Rom noch zur Stationskirche pilgerte, endeten die Anrufungen bis zur Ankunft auf diese Weise, die schon ähnlich der Blinde auf dem Weg nach Jericho nützte und die kananäische Frau, welche dadurch die Heilung ihrer Tochter erlangte (vgl. Mk 10,47ff; Mt 15,22ff).

Gerade in deutschen Ländern war das Kyrie eleison so beliebt, dass es nicht nur bei Prozessionen sondern sogar auf den Schlachtfeldern gesungen wurde.

Die Wirksamkeit des Kyrie eleison

Kaiser Heinrich II. belagerte einst die italienische Stadt Troja, die sich gegen ihn empört hatte. Die Belagerung dauerte schon einige Monate. In der Stadt herrschten bitteres Elend und Hungersnot. Die Kinder schrien um Brot und niemand konnte es ihnen geben. Da versammelte ein Priester die Kinder der Stadt, ließ das Stadttor öffnen und führte die Kinder durch das Lager zum Zelt des Kaisers. Er selbst trug ein großes Kreuz voran. Als die Soldaten die Kinderscharen sahen, wurden ihre Herzen weich. Beim Kaiserzelt angekommen, riefen die Kinder mit erhobenen Händen und unter Tränen im Chor: „Kyrie, eleison! Herr, erbarme dich unser!“ Der Kaiser erbarmte sich der Stadt auf dieses Flehen der Kinder hin und rief den Kindern zu: „Kinder, Gnade sei der Stadt gewährt um eures Gebetes willen!“ Er ließ den Kindern ein kräftiges Essen geben und schickte sie dann mit der Botschaft nach Hause, dass er auf ihre Bitte hin die Belagerung aufhebe und die Stadt freigebe. Jubelnd kehrten die Kinder in die gerettete Heimat zurück.

Wenn schon Menschen bei diesem Flehruf barmherzig werden, um wie viel mehr Gott, von dem jede Vaterschaft ihren Namen hat.

Erbarmen von der Dreifaltigkeit

In der heiligen Messe weist die dreimalige Wiederholung des Kyrie eleison auf die heiligste Dreifaltigkeit hin, wobei die ersten drei Anrufungen Gott Vater gelten, die nächsten drei Gott Sohn und die letzten dem Heiligen Geist.

Das Kyrie eleison entspricht so sehr dem Wesen und der Bedeutung der heiligen Messe, dass es in der Liturgie niemals weggelassen wird im Gegensatz zum folgenden Gloria oder dem Credo. Die Messe ist nämlich ein Denkmal des großen Erbarmens Gottes mit der Menschheit, das Sakrament der Versöhnung. Wir klopfen bei der heiligen Messe wie Bettelkinder an die Türe des Heiligtums, und bitten um Erbarmen und Einlass. Bei diesem Flehgebet liegt unser Gefühl der Schande und Demütigung zu Grunde, aber auch das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes.

Das Gloria

Mit dem Gloria wird in der Liturgie der heiligen Messe die Stimmung in einem Moment vom Advent auf Weihnachten umgestellt. Gloria sangen die Engel vor den Hirten in Bethlehem, als das Kind in der Krippe lag. Es ist ein Lobpreis der heiligsten Dreifaltigkeit, ein rauschender Jubelgesang zur Ehre Gottes. Bei besonders freudigen Festen werden hier sogar die Glocken geläutet. Es soll der Triumph unseres Herrn in der heiligen Messe zum Ausdruck gebracht werden. Das Königtum unseres Herrn Jesus Christus wird hier auch deutlich zum Ausdruck gebracht: „Du allein bist der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus!“ Diese Worte erinnern uns besonders daran, dass es auf Erden keinen Frieden geben wird, außer wenn unser Herr Jesus Christus herrscht.

Mit priesterlichem Segensgruß

P. An​dre​as Jei​nd​l