Predigt von Pater Edmundas Naujokaitis in Zaitzkofen am 16.09.2018

2018
Quelle: Seminary Zaitzkofen

Geliebte in Christus!

 

Das Evangelium vom heutigen Sonntag beinhaltet einen der wesentlichsten Punkte der christlichen Lehre: das Hauptgebot der Liebe. Was für ein erhabenes Thema! Wir wissen genau, wie der Begriff der Liebe, der Barmherzigkeit heutzutage vom Modernismus entstellt wird. Versuchen wir heute, diesen Begriff etwas zu klären.

Wir hören die Frage eines Gesetzeslehrers: „Meister, welches Gebot im Gesetz ist das größte? Jesus antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deinem ganzen Gemüte. Das ist das größte und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22, 36-40).

Die Schriftgelehrten haben schon zu Beginn der talmudischen Zeit, also zu der Zeit Jesu, aus dem Gesetzbuch des Moses nicht weniger als 613 Einzelgesetze herausgefiltert, eingeteilt in 248 Gebote und 365 Verbote. Diese Aufzählung gilt im Judaismus bis heute. Wie kann ein einfacher Mensch all das in Erinnerung behalten und erfüllen? So versteht man, wie der Gesetzeslehrer zu seiner Frage kommen konnte: Welches Gebot im Gesetz ist das größte? Es war wirklich wie ein Tappen im Dunkeln, ein Suchen nach einem einfacheren Weg zu Gott. Und Jesus hat diesen Weg gezeigt, ohne etwas Neues zum Gesetz des Moses hinzuzufügen, er zitiert einfach Deuteronomium 6,5 und Leviticus 19,18. Er findet diese zwei Sätze wie kostbare Perlen, die von einer dicken Schicht von Meeresschlamm verdeckt waren. Er zeigt das Wesen, den tiefsten geistigen Inhalt aller Gesetze Gottes. „Kurz ist das Gebot, das dir gegeben ist“, sagt Augustinus (in Jo 7,8): „Liebe und tue was du willst“. Das Hauptgebot ist eben diese Erfüllung, Reinigung von allen pharisäischen Auslegungen und Traditionen, die die Intention des Gesetzgebers verbergen und entstellen.

Einige Leute fragen: Ist es nicht Liberalismus, eine Vereinfachung, um das Leben leichter und bequemer zu machen? Ein sentimentales Ersetzen der konkreten Werke und der mühsamen Gesetzestreue durch ein vages Gefühl der Sympathie? Nein, Christus hat den Rettungsweg nicht leichter gemacht, nur klarer und sichtbarer: „Ich bin nicht gekommen, um [das Gesetz] aufzuheben, sondern um es zu erfüllen“ (Mt 5,17). Bedenken wir, was ist leichter: Nur äußerlich den Willen des anderen zu erfüllen, oder den Geist mit der Intention des Gesetzgebers zu verbinden? Christus hat das Gesetz nicht nur nicht liberalisiert, sondern vielmehr radikalisiert. Das Gesetz der Liebe soll zum inneren Handlungsprinzip werden, das das Herz innerlich verwandelt und nicht nur das äußere Leben regelt. Jesus hat also nicht die Frömmigkeit und Philanthropie als zwei Punkte neben vielen anderen betont, sondern das innere Prinzip des moralischen und geistigen Lebens aufgezeigt.

Die Liebe ist die größte von den drei göttlichen bzw. theologischen Tugenden. „Wir aber, die dem Tag gehören, wollen nüchtern sein und uns rüsten mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil“ (1 Thess 5,8). „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (1 Kor 13,13).

Alle eingegossenen Tugenden bilden den sogenannten geistigen Organismus, der es dem Menschen ermöglicht, ein geistiges Leben zu führen und gerettet zu werden. Leider verstehen heutzutage viele Leute, sogar Gläubige, die göttlichen Tugenden nicht mehr. Z.B. sagt man: Ich kann das nicht glauben, was ich nicht intuitiv begreife, was zunächst als unglaubwürdig erscheint; ich brauche nicht zu hoffen, weil ich mich ziemlich wohl fühle; ich kann alle meine Bedürfnisse selber erfüllen. Ich bin nicht fähig, Gott zu lieben, weil ich ihn nicht sehe und nicht fühle: man kann dem Herzen nicht befehlen, die Liebe aber sollte immer frei, spontan entstehen. Wir sehen hier ein Sich-Verschließen des Menschen in der eigenen Subjektivität; der Geist sitzt wie im Gefängnis des Naturalismus. Im Bereich des Erkennens nimmt ein solcher Geist nur das an, was evident und greifbar ist, im Bereich des Willens, was einen unmittelbaren Nutzen oder Vergnügen bringt. Ein solcher Mensch versteht nicht, dass die Vernunft und der Wille ihm dazu gegeben sind, damit er aus sich selbst herausgehe, Verbindung mit einer objektiven, von ihm unabhängigen Wirklichkeit schaffe. Und diese Wirklichkeit fordert eine Anpassung von meiner Seite.

Glaube, Hoffnung und Liebe sind nicht Optionen zur freien Wahl: Ich bin verpflichtet, alle Wahrheiten im Glauben anzunehmen, meine Hoffnung nur auf Gottes Gnade und die Erlösung zu setzen, Gott über alles zu lieben. Das alles aber bedeutet einfach, das geistige Leben zu führen, einfach lebendig zu bleiben! Das ist eine Notwendigkeit, das liegt immer in meinem Interesse.

„Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ (Joh 14,21), sagt unser Herr. „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“ (Joh 15,17). Die Liebe ist also etwas, was geboten, befohlen ist, die Liebe ist somit mit Gehorsam, mit Unterwerfung verbunden. Man muss sich selbst entsagen, seinen Eigenwillen und Egoismus bekämpfen, selbst wenn es Mühe kostet. Nur so werde ich die Einheit mit der Realität Gottes erreichen. Die Gottesliebe soll an erster Stelle effektiv, wirksam sein; nur dann und wann ist sie auch affektiv, gefühlsmäßig. Die Liebe liegt im Bereich des Willens, der Werke, der konkreten Entscheidungen, die Gebote Gottes zu erfüllen. Ein kleines Kind soll seine Mutter lieben, nicht nur dann, wenn es dies möchte. Nein, es ist total von der Mutter abhängig, und die Liebe ist zum Überleben notwendig. Das gleiche gilt für die Gottesliebe.

Oder man sagt: Ich verstehe, dass Christus mein Retter ist, dass ich ohne ihn ewig verloren gehen würde. So bin ich einem Feuerwehrmann, der mich und mein Haus gerettet hat, selbstverständlich sehr dankbar; aber niemand verlangt, dass ich ihn von ganzem Herzen liebe. Ich danke ihm sehr, aber es bleibt nur eine Episode in meinem Leben, er wird nicht zum Ziel aller meiner Bestrebungen und Gefühle. Wie kann man auf eine solche Haltung antworten? Unser Heiland ist kein Feuerwehrmann, ein Helfer in einer bestimmten Situation, er ist der lebendige Gott, die Quelle meiner Existenz und das Endziel meines Lebens. Ich bin nur dazu erschaffen worden, um Gott zu lieben, ihn zu verherrlichen, seinen Willen zu erfüllen; das liegt in meiner Natur. Ich bin ein „ens ab alio et ad alium“, ein Wesen aus einem anderen und für einen anderen, nicht für mich selbst. Diese Naturnotwendigkeit beraubt die Liebe nicht der Herzlichkeit und Aufrichtigkeit, im Gegenteil, sie macht sie so leicht und selbstverständlich wie das Atmen und das Trinken. Atmen und Trinken sind für eine kranke Natur schwer, und die Krankheit der Seele ist die Eingeschlossenheit in sich selbst.

„Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8), er hat uns nach seinem Bild geschaffen, und deswegen liebt er uns wie sich selbst. Er befiehlt auch, uns untereinander zu lieben mit genau derselben göttlichen, übernatürlichen Liebe, mit der er uns liebt. Gott befielt uns also nur das, was er selber als Erster vollbringt. Ist aber eine Kreatur fähig, eine wahrhaft göttliche Liebe zu üben? Ja, weil er sie als eine eingegossene Tugend von Gott geschenkt bekommen hat. Wenn wir also lieben, tun wir etwas Göttliches, wir haben Anteil am inneren Leben Gottes. Der hl. Franz von Sales sagt: „Die reine Gottesliebe zerstört alles, was nicht göttlich ist, um alles in sich selbst zu verwandeln.“ Das ist genau das, was die Kirchenväter „theosis, deificatio“ des Menschen nennen: durch das Üben der Liebe werden wir auf eine gewisse Weise Gott ähnlich, dem Gott, der Liebe ist. Gott macht uns fähig, ihn nachzuahmen, und das ist der tiefste Sinn des Begriffes der Nachfolge Christi. „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12).

Der zweite Teil des Hauptgebotes ist die Nächstenliebe. „Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Rom 5,8), schreibt der hl. Paulus. Das ist das Prinzip der sogenannten Prädilektion, vorhergehender Liebe: Gott hat uns nicht deswegen geliebt, weil wir schon etwas Gutes und Liebenswertes besessen hätten, nein, wir erwerben nur etwas Gutes, weil der liebe Gott uns schon vorher geliebt und seine Liebe durch Gnadengeschenke gezeigt hat. Die Gnade, „gratia“, ist eben etwas gratis Gegebenes, als ein völlig unverdientes Geschenk. Und das ist ein Beispiel für uns in der Übung unserer Liebespflicht: Wir sollten die Liebe wie einen Vorschuss geben, ohne Erwartung der Dankbarkeit oder evidenter Zeichen der Besserung, auch für die aktuell nicht werten, nicht liebenswürdigen Menschen, damit sie liebenswürdig werden. Dank solcher Liebe werden die Bösen zu Guten. „Nemo dat quod non habet“ – Niemand kann etwas geben, bevor er es selber besitzt. Erst nach dem Empfangen unserer Liebe ist zu hoffen, dass diese Menschen später diese Liebe weitergeben werden. Die Liebe ist also nicht das Nehmen, das Genießen von etwas, was mir lieb ist, sondern an erster Stelle das Geben dessen, was ich selber empfangen habe.

Wer ist aber ganz konkret unser Nächster? Nicht ein Bettler auf der Straße, dem ich ein symbolisches Almosen gebe, um Ruhe zu haben, und ihn dann nicht mehr treffe, auch nicht ein hungerndes Kind in Afrika, dem ich humanitäre Hilfe schicke, dem ich aber nie im Leben begegnen werde, sondern zuerst die Menschen, die tatsächlich in meiner Nähe leben: meine alten Eltern, meine Geschwister, die vielleicht kein Glück im Leben haben, mein lästiger Nachbar, meine komischen Mitarbeiter. Sehr oft sind sie von schwierigem Charakter, unangenehm, wir können sie aber nicht wählen. Die Vorsehung Gottes hat diese Leute für mich speziell ausgewählt und mir gegeben wie eine Hausaufgabe, eine Mission, damit ich mir durch die Liebe – nicht bloß durch Toleranz, sondern durch eine echte übernatürliche Nächstenliebe – das ewige Leben verdiene. Die guten Werke der Nächstenliebe sind somit gewissermaßen wie ein Sakrament – äußeres Mittel der Heiligung. So schreibt der hl. Leo der Große (Sermo 20,3): „Das Almosen besitzt sozusagen die Kraft der Taufe; denn wie Wasser das Feuer tilgt, so tilgt Almosen die Sünde.“

Der Prüfstein der echten Liebe ist die Feindesliebe. „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln“ (Lk 6,27-28). Jesus befiehlt hier nicht nur Geduld, das Verzichten auf Rache, nicht nur Toleranz, sondern eine positive Liebe. Für die Heiden und Juden war es damals ein unbegreifliches Ideal. Merken wir wohl: Jesus hat nie gesagt: Habt keine Feinde, sondern: Liebt eure Feinde. Er selber hat viele Feinde gehabt, und alle, die etwas Sinnvolles und Gutes tun, haben Feinde. Ein Christ sollte sogar beunruhigt sein, wenn er keine Feindschaft erfährt; es wäre ein Zeichen, dass er vielleicht selber auf der falschen Seite steht, oder dass er einfach faul ist und nichts Gutes hervorbringt. Die Feindschaft, der Krieg und der Kampf ist eine traurige Realität in dieser Welt nach dem Sündenfall. „Wir wissen: Wir sind aus Gott, aber die ganze Welt liegt im Argen“ (1 Joh 5,19). Der Feind ist eine reale Person, die mit dem moralischen Bösen, mit der Sünde sich freiwillig verbindet. Wenn ein Mensch ein Laster, eine Schwachheit hat, ist er einfach ein armer Sünder. Wenn er sich aber identifiziert mit der Bosheit und den Kampf gegen das Gute führt, dann sollen sich die Guten ihm widersetzen. Das Christentum ist in diesem Sinne ein Gegenteil von Pazifismus, die Kirche in dieser Welt nennt man die streitende Kirche.

Hören wir die Ermahnung des hl. Paulus: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! ... Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes) ... Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, ... dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt“ (Röm 12,17-20).

Das Wesen der Feindesliebe gründet sich auf einer klaren Unterscheidung zwischen der Sünde und der Person des Sünders. Der hl. Augustinus hat gesagt: „Interfice errorem, diligere errantem“, töte den Irrtum, liebe den Irrenden. Deswegen sagen wir auch, dass der heutige Ökumenismus und alle möglichen und unmöglichen Dialoge schlicht und einfach Sünden gegen die Nächstenliebe sind. Der Hass ist ein christliches Gefühl, eine Kehrseite der Liebe, aber nur, wenn das Böse richtig und genau identifiziert wird. Mein erster Feind sind meine eigenen Sünden, mein Hass soll zuerst diese Sünden und Laster zum Ziel haben. Vielleicht bin ich selber ein ungerechter Feind den anderen gegenüber. Vielleicht dulden die anderen mich und sammeln so glühende Kohlen auf mein Haupt. Wir sollen durch eine ernste Selbstbesserung, durch Buße und durch Werke der Liebe versuchen, zumindest einen Teil dieser Kohlen von uns abzuschütteln.

Der hl. Augustinus vergleicht die zwei Teile des Hauptgebotes mit den Füßen eines Menschen: Zum Gehen ohne zu hinken brauchen wir zwei Füße; so brauchen wir auch zwei Füße auf unserem Weg zum Himmel, wenn wir zu Gott kommen wollen. Der hl. Basilius schreibt (De iudicio Dei 8): „Dort im Gericht müssen unsere guten Werke für uns Fürsprache einlegen, und zwar so, dass sie unsere Fehltritte überbieten.“ Damit wir auf dem Weg des Heiles nicht hinken, lasset uns die Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe öfters erneuern und die wahre Liebe zu Gott und zu unseren Nächsten üben. Amen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.