Der aktuelle Wochenbrief des Seminars

05. Oktober 2019
Quelle: Seminary Zaitzkofen

                                                                 9/2020

                                                                                                 07. 06. 2020

Liebe Gläubige,

 

In der Geschichte Abrahams, dem Stammvaters des auserwählten Volkes, finden wir nicht nur ein auffälliges Vorbild des blutigen Kreuzesopfers Jesu Christi in der Prüfung für das Opfer seines Sohnes Isaak, sondern auch ein herausragendes Vorbild der unblutigen Erneuerung des Opfers Christi, nämlich des heiligen Messopfers und einen erstaunlichen Hinweis auf das Priestertum des Neuen Testamentes.

 

Der geheimnisvolle Melchisedech

Vier fremde Könige plünderten die Städte Sodoma und Gomorrha, nahmen Lot, den Vetter Abrahams gefangen und führten sein Hab und Gut mit sich fort. Als Abraham dies hörte, jagte er mit seinen Knechten den Königen nach, besiegte sie, befreite seinen Vetter und brachte alles Geraubte wieder zurück. Auf dem Rückweg kam Abraham eine seltsame Gestalt des Alten Testamentes entgegen: Der Priester Melchisedech. Dieser Name bedeutet: König der Gerechtigkeit und er wird bezeichnet als König von Salem, eine Abkürzung von Urusalim, woraus später der Name: Jerusalem wurde. An dieser Stelle haben wir also den ältesten bezeugten Namen der berühmten Stadt, deren Name so viel bedeutet wie: Stadt des Friedens. Gemeint ist hier nach Gottes Vorsehung weniger der Friede unter den Menschen, als vielmehr der Friede der gesamten Menschheit mit Gott, der an diesem Ort gestiftet werden sollte.

 

Der Ort der Begegnung: Jerusalem

Einige Jahrhunderte später machte König David als Ahnherr des Messias Jerusalem zur königlichen Residenz und errichtete hier die Stiftshütte zur Verehrung Gottes. Die Propheten sahen seitdem diese Stadt als den Ausgangspunkt der Königsherrschaft des Messias voraus und als das Zentrum des universalen Gottesreiches des Neuen Bundes. Abermals tausend Jahre später fand hier das eucharistische Opfer im Abendmahlssaal statt und das Kreuz Christi wurde auf Golgotha aufgerichtet.

Es kann also kein Zufall sein, dass diese rätselhafte Begegnung von Abraham und Melchisedech gerade an diesem Ort stattfand.

 

Dem Sohne Gottes ähnlich

Noch geheimnisvoller ist die Person dieses Priesters, der wie ein Meteor in der biblischen Geschichte aufleuchtet, um sofort wieder zu verschwinden. Der Hebräerbrief erklärt uns: „Er steht da ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum, ohne Anfang des Lebens, ohne Ende der Tage. So ist er dem Sohne Gottes ähnlich und bleibt Priester in Ewigkeit“

Ein Priester ist ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die Priester des Alten Bundes besaßen ihr Priestertum durch ihre Abstammung von Levi, der erst lange nach Abraham geboren wurde. Unser Herr Jesus Christus hat sein Priestertum jedoch nicht durch einen Stammbaum sondern durch die geheimnisvolle Vereinigung seiner göttlichen und menschlichen Natur in seiner Person. Es handelt sich um ein Priestertum, das seiner Ordnung nach am höchsten steht und ewig bestehen bleiben wird, weil es nicht von menschlicher Abstammung, sondern unmittelbar von Gott kommt. Aus diesem Grund bleibt Melchisedech geheimnisvoll und es wird weder ein Anfang noch ein Ende seines Priestertums erwähnt. Zum eindeutigen Zeichen der Erhabenheit dieses Priestertums gab Abraham Melchisedech den Zehnten und wurde von ihm gesegnet.

„Ohne allen Zweifel aber wird das Geringere von dem Höheren gesegnet...So hat sozusagen auch Levi, der den Zehnten empfängt, durch Abraham den Zehnten entrichtet.“ (Hebr 7,7ff)

 

„Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung des Melchisedech“ (Hebr 5,6)

Das erstaunlichste Vorbild gibt Melchisedech aber durch das Opfer, welches er darbrachte: Brot und Wein „er war nämlich ein Priester des Allerhöchsten“. Die Kirchenväter sahen in diesem Opfer ein Vorbild des heiligen Messopfers und die Kirche gedenkt dieses Opfers sogar im Kanon der heiligen Messe. Papst Leo der Große sagt: „Jesus Christus ist es, den der Hohepriester Melchisedech im Vorbild darstellte, als er Gott keine Tiere schlachtete, wie dies die Juden tun, sondern ihm jenes geheimnisvolle Opfer darbrachte, das unser Erlöser in seinem Fleisch und Blut geheiligt hat.“ Welch große Stellung muss in der göttlichen Heilsordnung dem heiligen Messopfer zukommen, wenn es schon Jahrhunderte davor so außergewöhnliche Vorbilder erhält. Da mit dem Opfer das Priestertum selbst aber auch wesentlich verbunden ist, leuchtet Melchisedech als Vorbild der Priester des Neuen Bundes auf, deren Priestertum nichts anderes als eine Teilhabe an dem einen und ewigen Hohenpriestertum unseres Herrn Jesus Christus ist.

 

Mit priesterlichem Segensgruß

P. Andreas Jeindl