Der aktuelle Wochenbrief direkt aus der Seminarkapelle

18. September 2022
Quelle: fsspx.news

Liebe Gläubige,

die christliche Kultur ist eine Kultur der Ehrfurcht, die sich auf den Glauben an das Heilige und Göttliche gründet. Gerade diese Ehrfurcht strahlt vom überlieferten heiligen Messopfer aus, weil die Liturgie eine Schule der Ehrfurcht ist. Von hier aus bahnt sich die Achtung vor dem Heiligen seinen Weg bis hin in die letzten Winkel einer christlichen Gesellschaft.

Die Ehrfurchtslosigkeit zerstört die Familie und die Gesellschaft

Der religiöse Sinn lässt den demütigen Menschen staunen über Geheimnisse, von denen er ahnt, dass sie ihn weit übersteigen. Der unreligiöse, hochmütige Mensch hat gegenüber diesen Werten nichts anderes, als Spott und Verachtung übrig. Letztendlich führt diese Selbstüberhebung und Verachtung des Heiligen nur zur Selbstzerstörung, weil gerade die Säulen einer Kultur und Gesellschaft zersetzt und ausgehöhlt werden. So hat plötzlich auch die Ehrfurcht vor der Autorität eines Vaters in der Familie keine Grundlage mehr, wenn die Ehrfurcht vor Gott nicht mehr zustande kommt, „von dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden seinen Namen hat“ (Eph 3,15).

Die Achtung und Ehrfurcht der Kinder gegenüber ihren Eltern geht verloren, ebenso die Opferbereitschaft und Achtung der Eltern gegenüber ihren Kindern, die nicht mehr als Geschenke Gottes und anvertraute Seelen angesehen werden sondern als Gelegenheiten, sich selbst zu verwirklichen. Unerwünscht und ungeplant müssen sie dann selbstverständlich abgetrieben werden.

Der Segen Gottes als Lohn für die Ehrfurcht

Von Graf Rudolf von Habsburg wird folgende Begebenheit erzählt: Er traf einen Priester auf einem Versehgang und stellte ihm sein Pferd zur Verfügung. Als der Priester das Pferd zurückbrachte, weigerte der Graf sich, das Tier wieder zurückzunehmen und erklärte: „Fern sei es von mir, dass ich das Pferd, das meinen Herrn und Schöpfer getragen, noch einmal besteige.“ Der Priester, der sich so mit dem Pferd beschenkt sah, verhieß ihm dafür Gottes Lohn. Wirklich wurde der Graf wenige Jahre später zum König gewählt und wurde Ahnherr des österreichischen Kaiserhauses.

Ehrfurchtslosigkeit vor jeder göttlichen Ordnung

Im Gegensatz zur Kultur der Ehrfurcht sehen wir heute leider einen Strom des Vulgären, der Entsakralisierung, Säkularisierung und Entheiligung. Die Achtung vor dem Heiligen geht nicht mehr von den Altären aus und strahlt nicht mehr von den christlichen Familien in die gesamte Gesellschaft, sondern die Ehrfurchtslosigkeit vor jeder göttlichen Ordnung dringt immer weiter vor in einem teuflischen Zerstörungswerk, das immer lauter als große Errungenschaft gefeiert wird. Während in der Kirche die Ehrfurcht nicht mehr gelehrt wird, das Allerheiligste nicht mehr als Allerheiligstes behandelt wird, zerreißen die Familien, Angestellte verweigern die Arbeit, Arbeitgeber beuten aus, Politiker betrügen und verachten das Gemeinwohl. Die größten Verbrechen geschehen, wenn den Menschen nichts mehr heilig ist.

Die Schule der Ehrfurcht

Was wir diesem Zerstörungswerk entgegensetzen können, muss deshalb vom Altar seinen Ursprung nehmen, dem Ort, an dem der Himmel die Erde berührt und das Allerheiligste gegenwärtig wird. Bei der Opferung wird der Altar erneut inzensiert, doch nimmt der Weihrauch seinen Weg von dort über die Leviten und Altardiener bis hin zu den Gläubigen, um zu zeigen, wie dieser Segen überfließen soll vom Altar zu allen Gläubigen, und von ihnen sogar noch weit darüber hinaus in die ganze Welt. Die Gläubigen sind nämlich Glieder Christi und als solche werden auch sie geehrt. Sie werden gerade durch die heilige Messe geheiligt und diese Heiligkeit soll die ganze Welt erreichen.

Die Ehrfurcht vor dem Heiligen verbreiten

Auch das Blut unseres Herrn Jesus Christus floss zunächst über seine ehrwürdigen Glieder und dann in den Staub der Erde. In ähnlicher Weise können die Gnaden der Reinigung und Heiligung auch bei der heiligen Messe zunächst auf die Gläubigen, die Glieder Christi strömen, dann auch auf diejenigen, die nicht im Stand der Gnade sind. Die meisten ehrfurchtslosen Sünder werden nicht anders von den Gnaden des heiligen Messopfers berührt werden können, als durch die Heiligkeit der Gläubigen, die an der heiligen Messe teilgenommen haben und durch das Feuer, das in ihnen brennt, andere entflammen. Suchen wir darum an der heiligen Messe auf eine solch innige Weise teilzunehmen, dass wir wirklich zu Trägern der Ehrfurcht werden, und diese Ehrfurcht zunächst bis in die letzten Winkel unserer vier Wände tragen, dann aber vor allem durch unser Beispiel in die ganze Welt.

Mit priesterlichem Segensgruß

P. Andreas Jeindl