Direkt aus der Seminarkapelle: unser aktueller Wochenbrief

15. Oktober 2021
Quelle: Seminar Herz-Jesu

Liebe Gläubige,

weltliche Herrscher konnten nur Sprachen verbreiten, die sich ständig verändert haben. Die Kirche aber hat eine Sprache über die ganze Welt verbreitet, die unveränderlich ist: das Latein. Diese Muttersprache sagt etwas aus über ihr Wesen, auch sie hat etwas Übermenschliches an sich: Sie ist unveränderlich, und sie wird bis zum Ende der Zeiten bestehen, die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, so hat es uns unser Herr prophezeit (Mt 16,18). Die Weltmächte der Erde haben immer ihre Blütezeit, doch meistens sind sie schon in wenigen Jahrhunderten vom Erdboden verschwunden. Das Reich Christi auf Erden wird immer wieder aufs bitterste verfolgt und bekämpft; dennoch hat es bis heute nie aufgehört fortzubestehen.

Gerade der entwurzelte Mensch der heutigen pluralistischen Zeit hat eine große Sehnsucht nach einer beständigen geistigen Heimat. Nur die römisch katholische Kirche kann ihm so etwas geben und es ist ein Jammer, dass sie heute keinen Wert mehr auf die liturgische Sprache legt; eine typische Folge des verkehrten Bestrebens, sich einer Welt anpassen zu wollen, die Wahrheit, Beständigkeit und Gottesverehrung gar nicht kennt.

Vollkommene Einigkeit durch die liturgische Sprache

Erzbischof Lefebvre drückte sein Bedauern darüber aus: „Sicherlich hat das Latein seine Bedeutung. Während meiner Zeit in Afrika war es großartig, diese vielen afrikanischen Völker mit verschiedenen Sprachen zu sehen. Wir hatten manchmal fünf, sechs verschiedene Stämme, die sich nicht untereinander verständigen konnten, bei derselben Messe in unseren Kirchen, und alle sangen sie dieselben Lieder auf Latein mit einer außerordentlichen Andacht. Gehen Sie jetzt einmal hin und sehen Sie sich das an: Sie streiten in den Kirchen, weil die Messe in einer Sprache gelesen wird, die nicht die ihre ist, und sie verlangen, dass man eine Messe in ihrer  Sprache liest. Es herrscht vollkommene Verwirrung, während früher vollkommene Einigkeit herrschte. Das ist nur ein Beispiel von vielen.“

Als die ersten katholischen Priester 1865, nach mehr als 200 Jahren endlich wieder nach Japan kommen durften, fanden sie zu ihrem Staunen Christen, welche den gesamten katholischen Glauben unverfälscht bewahrt hatten, ja sie kannten sogar noch die lateinischen Gebete, welche ihnen die letzten Priester beigebracht hatten, die 1639 dort als Martyrer starben. Wir können uns kaum vorstellen, mit welcher Begeisterung diese Christen wieder zu einem lateinischen Hochamt strömten, das sie so lange entbehren mussten. Nicht auszudenken wäre aber ihre Enttäuschung, wenn diese Patres eine neue Messe in ihrer eigenen Landessprache, in Französisch gefeiert hätten.

Eine Forderung von Irrlehrern

Schon Martin Luther forderte, dass die Messe nur in der Volkssprache gefeiert werden müsse. Er wollte nämlich die heilige Messe nicht als gutes Werk, als Opfer anerkennen, welches der Mensch Gott darbringt, als solche war sie ihm ein Gräuel, von dem er sagte: „Ich behaupte, dass alle Freudenhäuser, alle Morde, Diebstähle und Ehebrüche nicht so verwerflich sind wie diese abscheuliche Messe!“

Für Luther sollte die Messe vor allem ein Werk für die Menschen sein, darum wäre es Unsinn, sie in einer Sprache halten zu wollen, welche den Menschen unverständlich ist. Das Konzil von Trient reagierte aber auf diese Irrlehre mit sehr deutlichen Worten: „Wer sagt, die Messe dürfe nur in der Volkssprache gefeiert werden, der sei mit dem Anathema belegt“ (Denz. 1759). Dieses Dogma gilt auch heute noch und es ist bestürzend, wie sehr sich die gleichen protestantischen Irrlehren in der katholischen Kirche ungehindert verbreitet haben.

Der gebührliche Schleier für ein heiliges Geheimnis

Aber ist es nicht besser, wenn wir die Worte der heiligen Messe auch gut verstehen? Können wir etwas gebührlich schätzen, wenn wir es kaum kennen? Es mag so sein bei Dingen, die wir völlig begreifen und verstehen können. Die heilige Messe ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht begreifen, wenn wir jedes einzelne Wort des Ritus in seiner Bedeutung genauestens verstehen. Ebenso werden wir auch das Geheimnis der Gegenwart Christi im Altarsakrament nicht besser erfassen, wenn wir die Hostie unter das Mikroskop legen.

Je mehr Heiliges ehrfurchtslos zur Schau gestellt wird, wie in einem Schaufenster, umso weniger wird der Mensch von dem heiligen Geheimnis verstehen. Ähnlich, wie die Kirche in der Passionszeit das Kreuz verhüllt, um unser geistiges Auge auf das Geheimnis des Kreuzes zu lenken, ebenso umhüllt sie das Geheimnis der heiligen Messe mit dem Schleier ihrer geheimnisvollen Sprache.

Mit priesterlichem Segensgruß

P. Andreas Jeindl