Direkt aus der Seminarkapelle: unser Wochenbrief vom Sonntag, 25.04.2021

24. April 2021
Quelle: Seminar Herz-Jesu
7/2021

Liebe Gläubige,

„Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der meine Jugend erfreut“. So beginnt das erste Gebet des Priesters an den Stufen des Altares, zum Beginn der heiligen Messe. Es mag direkt befremdlich erscheinen, wenn ein sehr alter Priester diese Worte spricht, und noch viel mehr, wenn er selbst in seiner Jugendzeit nicht sehr gottesfürchtig gelebt hat, wie es sogar bei einigen Heiligen der Fall war.

Introibo ad altare Dei

Diese Worte stammen aber aus dem Psalm 42 und sind ein sehnsüchtiger Aufschrei eines in der Verbannung weilenden Israeliten, der fern von Gottes Heiligtum ist, dem Altar in Jerusalem. Auch König David, als er von seinem Sohn Absalom verfolgt wurde und aus der Stadt Jerusalem fliehen musste, trauerte in dieser tiefsten Demütigung nicht seinem Palast nach, den er verlassen musste. Was ihn am meisten betrübte war, dass er vom Opferaltar in Jerusalem fliehen musste und vom Haus Gottes verbannt war. Darum betet er auch: „Nur eines verlange ich, nur um dies eine bitte ich, dass ich wieder wohnen darf im Hause meines Gottes.“

Der Psalm ist durchdrungen von der Sehnsucht nach dem Altar, und die Kirche sucht durch dieses Gebet unsere Seele auf die Opferhandlung einzustimmen.

„Introibo ad altare“ bedeutet nicht nur hintreten an den Altar, sondern eigentlich „eingehen“. Es geht darum, sich das Opfer unseres Herrn Jesus Christus ganz zu eigen zu machen, denn darauf gründet sich alle Hoffnung, in den Himmel eingehen zu dürfen.

Die Jugend, von der am Anfang jeder heiligen Messe gesprochen wird, kann aber auch noch ganz anders verstanden werden.

Sehnsucht nach Jugendkraft und Schönheit

Die Jugend zeigt sich vor allem in der Beschaffenheit des Leibes, und wie sehr das den Menschen am Herzen liegt, beweist eine milliardenschwere Kosmetikindustrie. Nach einer Umfrage geben Frauen hier zu Lande nur wegen Schönheitsmittel für ihr Gesicht durchschnittlich an die 12 000€ in ihrem Leben aus. Wenn alles mitgerechnet wird, was für besseres Aussehen aufgewendet wird, kommt man auf Ausgaben von etwa 180 000€, und hier sind Männer kaum sparsamer als Frauen. Die Predigten des hl. Chrysostomus zeigen, dass die Menschen auch vor 1500 Jahren nicht weniger putzsüchtig und eitel waren. Er ermahnt deshalb: „Du möchtest gerne schön geschmückt erscheinen? Zieh an Barmherzigkeit, zieh an die Menschenfreundlichkeit, zieh an die Sittsamkeit, die Bescheidenheit! Das alles ist wertvoller als Gold.“

Wenn so viel Aufwand und Sorgfalt für die Schönheit der Seele aufgewendet werden würde wie für die Jugend und Schönheit des Leibes, so würden wir wahrscheinlich von vielen Heiligen umgeben sein.

Die Entstellung durch die Sünde

In dem Roman von Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray schafft ein Künstler ein Selbstbildnis, das durch teuflische Macht altert, während er selber jung bleibt. Doch nicht nur die Zeit lässt das Bild altern, sondern vor allem die bösen Taten des Menschen lassen es bald so entstellt erscheinen, dass Dorian Gray sein Bild verbannen muss. Nach seinem Tod zeigt sich sein wahres Gesicht so entstellt und hässlich, dass er nicht mehr wiedererkannt wird.

Dieser Roman zeigt nicht nur die große Sehnsucht nach Jugendkraft und Schönheit im Menschen, sondern auch das zerstörerische Werk der Sünde, das die Menschen derartig entstellen kann, dass Christus am Ende des Lebens die verhängnisvollen Worte spricht: „Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht!“ (Mt 25,12)

Jungbrunnen innerer Schönheit

Während unser Leib altern muss, und seine Jugendkraft und Schönheit unwiederbringlich verliert, gelten für unsere Seele andere Gesetze. Sie ist unsterblich, wird aber hässlich durch die Sünde. Als Sklavin ihrer Leidenschaften verliert sie Freiheit, Kraft und Schönheit. Doch die Seele kann sich auch wieder verjüngen und erneuern, sie kann wieder schön werden, sogar noch schöner als sie war, aber nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch das Wunder der Gnade.

Da aber alle Gnaden uns verdient wurden durch das Kreuzesopfer, das in der heiligen Messe erneuert wird, finden wir gerade im Altar den Jungbrunnen innerer Schönheit, in der heiligen Messe die Quelle, welche unserer Seele Jugendkraft und Schönheit verleiht.

Mit priesterlichem Segensgruß

P. Andreas Jeindl